Erfurt.Premiere am 23.03.2019

MSN in Dead Man c Paul Ader 4

Werk/Inhalt

Wie geht man mit einem schuldig gesprochenen, zum Tode verurteilten Mörder um? Joseph De Rocher hat zusammen mit seinem Bruder ein junges Pärchen vergewaltigt und ermordet und erwartet nun in der Todeszelle seine Hinrichtung. Die junge Ordensschwester Helen bietet ihm Hilfe und ihren geistlichen Beistand an. Das Verfahren des Gnadengesuchs, die Auseinandersetzung mit seiner Familie und den Eltern der Opfer sowie das Ringen um ein Geständnis wird auch für Helen zu einem existenziellen Prozess, in dem sie sich immer wieder auf Nächstenliebe und Gottes Versprechen der Vergebung besinnen muss. Helen Prejean (*1939) ist eine der engagiertesten Gegnerinnen der Todesstrafe in den USA und bis heute politisch aktiv. Ihr Buch Dead Man Walking, in dem sie 1993 ihre Erfahrungen mit Todeskandidaten und die weitgreifenden Auswirkungen der Todesstrafe schilderte, wurde zum Bestseller und 1995 von Tim Robbins prominent besetzt verfilmt. Die Vertonung des gleichen Stoffs durch den Komponisten Jake Heggie (*1961) ist geprägt von allerlei Anklängen an Filmmusik, Gospel, Blues und Rock. Seit der Uraufführung im Jahr 2000 avancierte die eindrückliche und packende Auseinandersetzung mit der Todesstrafe zu einer der meistgespielten zeitgenössischen amerikanischen Opern. In seiner Erfurter Inszenierung konzentriert sich Regisseur Markus Weckesser ganz auf die in Dead Man Walking verhandelten Fragen nach Schuld, Rache, Vergebung und Menschlichkeit sowie auf die ambivalenten Haltungen zum Thema Todesstrafe, die durch die einzelnen Figuren der Oper verkörpert werden. Nah am Operntext beleuchtet seine Deutung die Handlung vor allem aus Sicht der Protagonistin.

Auszug aus einem Theater Erfurt-Interview mit Gabi Uhl, der Vorsitzenden der deutschen Initiative gegen die Todesstrafe e. V.

Frau Uhl, inwiefern ist die Todesstrafe hier für uns in Europa Ihrer Meinung nach ein wichtiges Thema? Ich denke, dass sie weltweit ein wichtiges Thema ist. Heute steht sie hierzulande nicht mehr so im Vordergrund, denn schon 1949 legte die BRD im Grundgesetz in Artikel 102 fest, dass die Todesstrafe abgeschafft ist. In der DDR wurde sie aber noch bis 1987 praktiziert. Hessen hat sie kurioser Weise erst kürzlich, im Dezember 2018, aus seiner Verfassung entfernt. Unabhängig davon finde ich, dass wir da weltweit denken müssen: wir leben in einer globalisierten, wirtschaftlich vernetzten Welt und bekommen so viel mit von anderen Ländern und Staaten. Menschenrechte gelten einfach weltweit. Deshalb denke ich, dass man sich den Fortbestand der Todesstrafe bewusst machen muss, auch wenn sie in Europa fast überall abgeschafft ist. Als einziger europäischer Staat hält Weißrussland (Belarus) nach wie vor an der Todesstrafe fest. Seit 1991 wurden dort schätzungsweise 400 Menschen hingerichtet.

In Dead Man Walking wird Sister Helens anfängliche Angst vor dem Häftling geschildert. Sie besucht ihn zunächst eher aus einem Gefühl ethischer und seelsorgerischer Verpflichtung heraus. Ich glaube, das ist bei ihr eine stärkere Antriebskraft, als bei mir. Was den Stoff Dead Man Walking als Auseinandersetzung mit der Todesstrafe so überzeugend macht, ist, dass Joseph de Rocher, der Todeskandidat dort, eigentlich ein Kotzbrocken ist – absolut kein Sympathieträger. Es ist viel einfacher, gegen die Todesstrafe zu sein, wenn es nicht um so einen unangenehmen Mensch geht. Zum anderen finde ich gut, dass in Dead Man Walking alle Seiten zu Wort kommen: nicht nur der Täter, man sieht auch, durch welche gefühlsmäßigen Achterbahnen sowohl die Angehörigen der Opfer als auch die der Täter gehen. Die filmmusikhafte Musik löst dabei große Emotionen aus. Andererseits enthält sie Melodien, die nicht unbedingt Ohrwürmer sind. Für so ein ernstes Thema wäre das aber wohl auch nicht der richtige Weg. Gerade, dass die Musik immer wieder eine andere Wendung nimmt, als man es erwarten würde, passt zu diesem besonderen Stoff sehr gut. (Das Interview führten Dramaturgin Larissa Wieczorek und der Hauptdarsteller der Erfurter Inszenierung, Ks. Máté Sólyom-Nagy, für die aktuelle Ausgabe des Theatermagazins PROspekt. Ungekürzt ist es auch nachzulesen im Theaterblog www.blog.theater-erfurt.de) 

Besetzung (Auszug) Musikalische Leitung Chanmin Chung Inszenierung Markus Weckesser Ausstattung Hank Irwin Kittel Licht Florian Hahn Sister Helen Prejean Antigone Papoulkas * Joseph de Rocher Ks. Máté Sólyom-Nagy Mrs. Patrick de Rocher Katja Bildt Sister Rose Margrethe Fredheim George Benton Caleb Yoo Father Grenville Michael Bracegirdle * Kitty Hart Leonor Amaral Owen Hart Jan Rouwen Hendriks Jade Boucher Stephanie Johnson Howard Boucher Richard Carlucci Motorcycle Cop Kakhaber Shavidze Sister Catherine Nicole Enßle Sister Lilianne Heain Youn ** 1st Guard Siyabulela Ntlale 2nd Guard Rastislav Lalinský ** u. a. * Gastsolist ** Mitglied Thüringer Opernstudio Philharmonisches Orchester Erfurt Opernchor des Theaters Erfurt Kinder- und Jugendchor des Theaters Erfurt

Foto:

Máté Sólyom-Nagy als Joseph de Rocher ©Paul Ader/Theater Erfurt